Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch

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Fokus Schule

Safer Internet Day 2026

Lehrerin
Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch

Der Safer Internet Day steht für ein sicheres, respektvolles Miteinander im Netz – auch am Arbeitsplatz. 2025 hat die Initiative „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“ digitale Gewalt im öffentlichen Dienst in den Blick genommen.

Zum Safer Internet Day 2026 stellen wir Lehrer*innen in den Mittelpunkt: Welche Rolle spielt Gewalt gegen Lehrer*innen an Schulen? Wie wirkt digitale Gewalt auf den Berufsalltag – und welche Unterstützung gibt es?

Wie drastisch Gewalt gegen Lehrkräfte sein kann, zeigt die Geschichte von Angelika.

Mitten im Unterricht schlägt einer ihrer Schüler die Sonderschullehrerin Angelika im Klassenraum zusammen, vor den Augen der gesamten Klasse. „Das war das schlimmste Gewalterlebnis in meiner Karriere“, sagt sie. An tägliche Bedrohungen und Beleidigungen hatte Angelika sich zu diesem Zeitpunkt schon lange gewöhnt.

Gewalt als Teil vieler Arbeitsrealitäten

Immer häufiger werden Beschäftigte im Dienst der Gesellschaft Opfer von Gewalt. Rettungskräfte, Feuerwehrleute oder Bedienstete der Ordnungsämter werden im Einsatz angepöbelt. Mitarbeiter*innen von öffentlichen Verkehrs- und Entsorgungsunternehmen werden im Dienst attackiert. Und immer mehr Lehrer*innen fühlen sich durch Eltern oder Schüler*innen bedroht. 

Die Ursachen sind vielfältig. Polarisierung und Respektverlust spielen eine zentrale Rolle: Debatten werden zunehmend aggressiv und emotional geführt. Frust und Wut folgen – besonders im Bildungsbereich, wo laut einer DGB-Befragung aus dem Jahr 2023 nur ein Drittel der Befragten mit dem Bildungssektor zufrieden oder sehr zufrieden ist. Oft trifft es deshalb jene, die unmittelbar erreichbar sind, wie Lehrer*innen.

Globale Krisen, wirtschaftliche Unsicherheit und ein Gefühl der Machtlosigkeit beschleunigen all dies. Und auch die Corona-Pandemie wirkt immer noch nach. Denn nach Monaten ohne Unterrichtspräsenz und mit stark reduzierten Sozialkontakten kam es häufiger zu körperlichen Auseinandersetzungen, erklärt die Beratungsstelle Gewaltprävention der Hamburger Schulbehörde.

Angelika ist bei weitem kein Einzelfall – Erfahrungsberichte und Statistiken sprechen eine deutliche Sprache.

Brennpunkt Schule

Gewalt gegen Lehrkräfte wird kaum gesondert erfasst. In einem seltenen Vorstoß hat die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) 2024 tausend Lehrer*innen nach ihren Erlebnissen befragt. Über die Hälfte berichtete von einer Zunahme psychischer Gewalt wie Beleidigungen, Beschimpfungen und Mobbing.

Laut einer Umfrage im Auftrag des BMI melden durchschnittlich 70 % der Beschäftigten im öffentlichen Dienst erlebte Gewaltfälle gar nicht erst. Dabei ist davon auszugehen, dass auch im Bildungssektor viele Vorfälle nicht gemeldet werden – weil es nichts an der Situation ändert, der bürokratische Aufwand zu hoch ist oder Vorgesetzte und Kolleg*innen signalisiert haben, dass Gewaltmeldungen unerwünscht sind.

Dieses Dunkelzifferproblem verschärft die Lage. In offiziellen Statistiken wird Gewalt gegen Beschäftigte dadurch oft verharmlost abgebildet. Zudem fehlen wichtige Informationen, um passende Präventions- und Hilfsangebote auszubauen.

Hate-Mails, Elternchats & Social Media

Die Digitalisierung nimmt immer mehr Platz in allen Lebensbereichen ein – auch im Arbeitsalltag. Lehrer*innen sitzen dabei an einer Schnittstelle zwischen Digitalisierungsansprüchen zur Unterrichtsgestaltung, neuen Kommunikationswegen mit (und zwischen) Eltern und Schüler*innen sowie dem weitreichenden Einfluss von sozialen Medien, in denen Hass und Hetze sich oft ungefiltert verbreiten. 

Die Gewalt gegen Beschäftigte verändert sich dadurch und verlagert sich immer weiter in digitale Räume. Diese Vorfälle finden häufig nicht nur am Arbeitsplatz statt, sondern auch im Privaten. Die Anonymität des Internets senkt die Hemmschwelle und kann Gewalt nicht nur normalisieren, sondern sogar anstacheln.

38 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Dienst waren laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des DGB aus dem Jahr 2025 in ihrem beruflichen Alltag schon einmal selbst von digitaler Gewalt durch Personen von außerhalb betroffen oder haben schon einmal erlebt, dass Kolleg*innen von digitaler Gewalt betroffen waren. Zudem hat knapp ein Drittel der Beschäftigten im öffentlichen Dienst Sorge, Opfer von digitaler Gewalt zu werden.

 „Wenn ich mir vorstelle, dass ich mich noch bis 67 auf diese Weise beleidigen lassen soll, wird mir ganz anders.“

Das sind nachvollziehbare Gedanken, die nicht nur Angelika nach ihrem Angriff umtreiben: 13% der Befragten, die digitale Gewalt durch Externe erlebt haben, haben auch darüber nachgedacht, aufgrund der Vorfälle den Job zu wechseln. In Zeiten von akutem Lehrkräftemangel müssen diese Berichte und Zahlen alarmieren. 

Konkrete Hilfe zählt

Die ersten Stunden nach einem Vorfall sind besonders ausschlaggebend für die Verarbeitung.

„Direkt nach dem Angriff war ich völlig perplex und am Boden zerstört. In diesem Moment ist mein gesamtes Berufsbild zusammengebrochen.“ 

Genau an diesem kritischen Punkt erfuhr Lehrerin Angelika kaum Unterstützung von offizieller Seite: weder bei ihrer Schulleitung, noch beim Durchgangsarzt. Erst ihr Hausarzt schrieb sie aufgrund des Angriffs krank und ermöglichte eine mehrwöchige Reha. Psychologische Hilfe nach der Kur musste sich Angelika selbst organisieren. Die Schulbehörde stempelte ihren Unfallbericht nicht ab – so bestand kein Anspruch auf psychologische Betreuung. Erst nach massivem Druck, auch durch unabhängige Interventionsstellen, konnte Angelika an eine andere Schule wechseln. Kein Wunder, dass sie sich »total alleine und verloren« fühlte, wie sie über die Zeit nach dem Vorfall erzählt.

Unter anderem als Reaktion auf Berichte wie den von Angelika hat die DGB-Initiative "Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch" konkrete Hilfsangebote geschaffen.

Seit 2023 können sich alle Beschäftigten des öffentlichen und privatisierten Sektors, die selbst Opfer von Gewalt im Dienst wurden, bei der DGB-Hotline des WEISSEN RINGS unter der Nummer 0800 116 006 0 direkte Hilfe holen – bundesweit, kostenfrei und anonym gegenüber dem Arbeitgeber bzw. Dienstherrn.

Digitale Gewalt wirksam angehen

Auch auf die zunehmende digitale Gewalt reagiert die Initiative und kooperiert mit der Organisation HateAid. Sie unterstützt alle, die im Internet oder durch digitale Medien Gewalt erfahren haben. Das Hilfsangebot gilt bundesweit, ist kostenlos und kann über verschiedene digitale und telefonische Wege in Anspruch genommen werden.

Wie hilft HateAid?

1

telefonische Sprechstunde 030 25208838 Montag 10 – 13 Uhr und Donnerstag 15 -18 Uhr

2

Beratung per Chat Freitag 11 – 14 Uhr

3

Online-Terminbuchung für telefonische Beratung unter terminvergabe.hateaid.org

Welche Rolle spielt Prävention?

Im besten Fall wären solche Hilfsangebote immer weniger notwendig, weil Gewaltprävention als integraler Teil des Arbeitsalltags mitgedacht wird. Um diese Entwicklung voranzutreiben hat die DGB-Initiative einen Ratgeber zum Umgang mit und Prävention von digitaler Gewalt erarbeitet.

Die Broschüre unterstützt Führungskräfte, Betriebsrät*innen, Personalrät*innen und Beschäftigte im öffentlichen Dienst mit Informationen und Impulsen dabei, digitaler Gewalt entgegenzuwirken und geeignete Strategien im Umgang damit zu entwickeln. Eine Handlungshilfe in der Heftmitte trägt erprobte Maßnahmen zur Prävention, Akuthilfe und Nachsorge bei digitaler Gewalt zusammen und wird durch ein Expert*innen-Interview, Zahlen und Fakten sowie einen Überblick über Hilfsangebote ergänzt. 

Mit ihrer Teilnahme an der Initiative will Angelika für mehr Sichtbarkeit in der Gesellschaft sorgen. „Wir müssen offen über Gewalt gegenüber Amtsträger*innen sprechen“, sagt die Lehrerin. Sie appelliert: Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch!

Illustration Mail

Ihr wollt aktiv werden?

Lasst uns gemeinsam aktiv gegen die Gewalt werden. Startet Aktionen, bestellt und verteilt Material oder meldet euch bei uns mit ganz neuen Ideen. 

Die Initiative

Ob angeschrien, geschlagen oder angespuckt - Gewalt gegen Beschäftigte im ÖPNV gehört mittlerweile leider zum Arbeitsalltag. Aktuelle Statistiken zeigen sogar, dass diese Entwicklung immer weiter zunimmt!

Seit Anfang 2020 stellen wir uns hinter Betroffene und fordern: Schluss mit Gewalt!